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Journalismus 2.0
Am Samstag ist jonet-Tag, das Medium Magazin wird dazu vorab ein 16-seitiges Special veröffentlichen.
Statt eines Vorworts sind dem Special die folgenden Thesen vorangestellt:
1. Die Zukunft des Journalismus wird an seinen Rändern erfunden.
2. Die Grenzen zwischen Mediennutzern und -Produzenten verschwinden.
3. Die Produktionskosten von Medien sind nicht mehr die entscheidende Hürde.
4. Die Menge an Talent ist unendlich.
5. Die Menge an Aufmerksamkeit ist endlich.
6. Was guter Content ist, entzieht sich einer klassischen statischen Definition - Mediennutzer und -Produzenten handeln dies in einem ständigen Dialog aus.
7. Guter Content findet seinen Markt.
8. Medien sind der Kristallisationskeim von Gemeinschaften.
9. Der Bedarf an Qualitätsjournalismus wird wachsen.
10. Qualitätsjournalismus wird zunehmend direkt durch Unternehmen finanziert.
Zum ausführlichen Thesenpapier - bitte weiterlesen.
Journalismus 2.0 - Zehn Ideen zur Zukunft der Medien
Drei Frauen, denen ich in diesem Jahr zum ersten Mal begegnete, haben meine Leidenschaft für den Beruf neu befeuert. Alle drei haben nichts mit Journalismus zu tun. Aber viel mit seiner Zukunft.
Die erste heißt Meg Hourihan und hat blogger.com erfunden. Blogger trat eine Lawine von Volksmedien los: Unsere Leser, Zuschauer und Zuhörer – und wir Medienarbeiter selbst - erhalten mit den einfachen Online-Journalen, den Weblogs, eine neue, erfrischend menschliche Stimme.
Die zweite Frau heißt Gaby Darbyshire und kümmert sich ums Geschäft des Weblog-Verlags Gawker Media in New York. Bereits 2002 ging Gawker den nächsten Schritt und demonstrierte, dass mit den seltsamen Kleinstmedien sogar Geld zu verdienen ist (siehe Interview Seite 6). Ein einfaches, vollkommen selbst bestimmtes Medium mit eigener Nutzerschar, das auch noch das Auskommen sichert: Für viele Journalisten ist das ein unverwirklichter Traum.
Das Projekt der dritten Nichtjournalistin, die mich inspirierte, weist vielleicht noch weiter in die Zukunft: Caterina Fake hat mit einem Dienst namens flickr.com nicht nur ein mächtiges Online-Album erschaffen. Die Gemeinschaft rund um Bilder zeigt, wie selbst organisierende Massenmedien entstehen können. Hervorragende Fotos von professioneller Qualität spült Flickr aus einem Meer des Belanglosen ganz ohne Redaktion nach oben. Und bevor CNN eine Kamera in Stellung bringt, liegen bei Flickr oft schon die Bilder – übertragen vom Kamera-Handy. Bald sollen sich die Fotos, die von Tageszeitungen immer öfter genutzt werden, über den Online-Dienst kommerziell vermarkten lassen.
Neue Projekte, die eine erstaunliche Transformationskraft entwickeln, entstehen zur Zeit überall an den Rändern der Journalismus - dort also, wo die alten Definitionen des Berufsbilds versagen, wo über Jahrhunderte streng bewachte Grenzen plötzlich überschritten werden, wo das angeblich Unmögliche einfach einmal unternommen wird. Sie haben uns bei der Konzeption des diesjährigen jonet-Tages, der Zusammenkunft der ältesten und größten deutschsprachigen Online-Gemeinschaft für Journalisten, wesentlich beeinflusst. Und führten uns zum zentralen Leitgedanken des Kongresses:
1. Die Zukunft des Journalismus wird an seinen Rändern erfunden.
Neun weitere Ideen zur Entwicklung unseres Berufes kamen wie von selbst hinzu.
2. Die Grenzen zwischen Mediennutzern und -Produzenten verschwinden.
Alle Formen von Information - Text, Audio, Video oder Bild - haben längst ihre kollektive Produktionsform gefunden. Leser, Hörer und Zuschauer werden immer häufiger selbst zu Autoren. Da gibt es nicht nur den so genannten Bürgerjournalismus der Blogger oder die Podcaster, die ihre iPod-affinen Hörbeiträge als Datenstrom zum Download bereitstellen. (S. 4) Selbst vom Journalismus denkbar weit entfernte Projekte im Geiste von flickr.com zeigen, wie selbst organisierende Massenmedien entstehen. Dienste wie vimeo.com übertragen das Konzept ins Medium Film.
3. Die Produktionskosten von Medien sind nicht mehr die entscheidende Hürde.
Den neuen Online-Medien fehlt eine traditionelle Eintrittsbarriere: Investitionen. Ihre Produzenten müssen weder Druck noch Vertrieb, weder Sende- noch Schnittplätze und nicht einmal mehr teure Content-Management-Systeme bezahlen. Auch jenseits der Netze fällt eine gewisse finanzielle Leichtigkeit auf. Immer mehr Magazingründer ziehen ihre aufwändigen Projekte dank deutlich gesunkener Produktionskosten einfach im Selbstverlag durch. Und der TV-Produzent Andre Zalbertus, der mit uns auf dem jonet-Tag diskutiert, setzt bei seinem neuen Kölner „Heimatfernsehen“ ganz auf einen Videojournalismus, dessen zur Tugend erhobenes Elektronikmarkt-Equipment aus Fernsehen das nächste Instant-Medium macht.
4. Die Menge an Talent ist unendlich.
Auch formale Qualifikation oder gar Talent, so lehren uns jedenfalls die Online-Bürgermedien, die stets neuen, wunderbaren Inhalt hervorbringen, ist offensichtlich kein derart knappes Gut, wie sich Journalisten ein paar Jahrhunderte lang gegenseitig versicherten. Knappheit herrscht auf der anderen Seite:
5. Die Menge an Aufmerksamkeit ist endlich.
Die Vertreter der neuesten Medien gewinnen sie nicht mit aufwändigen Kampagnen, sondern durch den engen Kontakt mit ihren Nutzern:
6. Was guter Content ist, entzieht sich einer klassischen statischen Definition - Mediennutzer und -Produzenten handeln dies in einem ständigen Dialog aus.
Den neuen Inhalten ist anzumerken, dass sie mit Leidenschaft gemacht sind. Absolute Reichweite spielt dabei nur noch eine untergeordnete Rolle:
7. Guter Content findet seinen Markt.
Ein anschauliches Beispiel aus der Offline-Welt: der neue Sportjournalismus, dessen Kern das Magazin „11 Freunde“ bildet. Es hat gezeigt, dass journalistisch noch so hervorragende Prominenten- und Tabellen-Berichterstattung nach Schema „Kicker“ die Realität einer breiten Basis nicht abbildet. Eine ganze Reihe neuer Magazine über „Fußballkultur“ entsteht nun nach diesem Vorbild. (Seite 8-9)
8. Medien sind der Kristallisationskeim von Gemeinschaften.
Was für derart zugespitzte Magazin- und die jüngsten Online-Projekte gilt, wird auch die Zukunft der Mainstream-Medien beeinflussen: Sie werden nur dann erfolgreich sein, wenn sie von der veralteten Idee einer passiven „Zielgruppe“ Abschied nehmen, die es mit Inhalt abzuspeisen gilt.
Braucht eine solche Zukunft noch Journalisten? Vielleicht sogar mehr denn je. Nichts nämlich scheint diesen neuen medialen Gemeinschaften so wertvoll wie hervorragender, journalistisch aufbereiteter Inhalt. US-Blogger verweisen gemäß Statistik am liebsten auf die großen, angesehenen US-Medien. Vergleichbares gilt in Deutschland. Prompt steht hier die hoffnungsfrohe These:
9. Der Bedarf an Qualitätsjournalismus wird wachsen.
Bleibt zu fragen, wie jene Anziehungskraft, die die Arbeit von Journalisten besitzt, in Zukunft für dessen Finanzierung zu nutzen sein wird. Hier steht vielleicht der größte Umbruch bevor. Während günstig produzierte Mikromedien einzelnen Autoren ein Auskommen sichern, werden sich für sehr aufwändig erarbeiteten Content womöglich ganz andere Modelle finden. Zum Beispiel dieses:
10. Qualitätsjournalismus wird zunehmend direkt durch Unternehmen finanziert.
In den Zeiten von PR-Journalismus und Product Placement ist dies die abgründigste Arbeitsthese des jonet-Tages. Und doch: Im klassischen Corporate Publishing funktioniert das mediale Mäzenatentum hin und wieder bereits erstaunlich gut. Schon sehen zweifache Kisch-Preisträger wie Christoph Scheuring die Zukunft der Zunft im unternehmensfinanzierten Journalismus (siehe Seite 11). Was, wenn junge Börsenlieblinge wie Yahoo! oder Google den neuerdings so genannten Recherche-Journalismus als Feature entdecken? Wie zur Probe schickt Informations-Mäzen Yahoo! den Kriegsreporter Kevin Sites schon mal für ein Jahr an die Krisenherde der Welt.
Übrigens. Der jonet-Tag 2005 in Hamburg, den das jonet gemeinsam mit Medium Magazin und der Handelskammer Hamburg veranstaltet, war zwei Tage nach der offiziellen Bekanntgabe ausgebucht. Dass es den jonet-Tag gibt, dass das jonet selbst bereits seit elf Jahren existiert, all das ist vielleicht das beste Zeichen dafür, wie weit die Kraft selbst organisierender medialer Gemeinschaften heute schon trägt.
07.11.2005, 12:34
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Folgende Seiten verweisen auf den Beitrag Journalismus 2.0:
» Journalismus 2.0: Fantastische Zukunft von Blogruf
Jochen Wegner (Wissenschaftsjournalist beim Focus) hat für den kommenden Jonet-Tag einige lesenswerte Thesen zur Zukunft des Journalismus aufgestellt, zehn um genau zu sein.
Ein Auszug:
2. Die Grenzen zwischen Mediennutzern und -Produzenten ve... [ Alles lesen ... ]
Trackback vom 08.11.2005, 21:35
» Journalismus 2.0 von web-zweinull
Nicht nur das Web ändert sich, auch der Journalismus ändert sein Gesicht. Das Web ändert das Berufsbild des Journalisten. Das Beste was ich bisher zu diesem Thema gelesen habe steht im Beitrag Journalismus 2.0. Allerdings bin ich mit Punkt zwei nic... [ Alles lesen ... ]
Trackback vom 12.11.2005, 14:39
